Interview K.Rundu - BYOD, digitales Klassenzimmer und Datenschutz

von Jens Buchloh (Kommentare: 0)

In Deutschland wird zur Zeit viel über die Digitalisierung im Bildungswesen gesprochen. Mich interessiert, wie das andere Länder handhaben, die uns beim Thema Digitalisierung schon ein ganzes Stück voraus sind. In meinem letzten Blogbeitrag habe ich von meinem Gespräch mit der bekannten estnischen Bildungstechnologin Birgy Lorenz berichtet, die im Rahmen der Digitalen Woche Kiel zu unserer kostenlosen Veranstaltung Smarte Bildung im Zeitalter des digitalen Wandels kommt.

"Smarte Bildung im Zeitalter des digitalen Wandels" am 17.09.2017 im Atelierhaus im Anscharpark, Kiel

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Ein weiterer Podiumsgast unserer Veranstaltung ist Kaarel Rundu, Schulleiter des Tallinna Saksa Gümnaasiums in Estland. Ich habe ihn vorab in Estland getroffen, um zu sehen, wie die Digitalisierung an seiner Schule fortgeschritten ist und welche Meinung er zu Bildung und Digitalisierung vertritt. Für Kaarel Rundu ist das Thema der Digitalisierung im Bildungswesen:

(...) aktueller denn je, da die Möglichkeiten sich immer weiterentwickeln. Das heißt auch: Die Menschen um die Technik herum müssen sich weiterentwickeln.

Kaarel Rundu

Kaarel Rundu erzählt mir, dass sich Schulen in Estland einer Selbstevaluation unterziehen müssen hinsichtlich der Frage nach der Ausstattung der Schulen, der Fortbildungsmöglichkeiten, ihren Notwendigkeiten etc. Darauf aufbauend setzen sich die Schulen bestimmte Ziele hinsichtlich der Digitalisierung. Auch Kaarel hat sich ehrgeizige Ziele gesetzt, auf die er mit den Lehrkräften bis 2019 hinarbeiten will.

Ein typischer Klassenraum besitzt am Tallinna Saksa Gümnaasium immer Internetzugang, W-Lan, Projektor und Lehrercomputer. Manche Klassenräume haben zusätzlich noch Smartboards oder interaktive Boards. Darüber hinaus gibt es noch einen mobilen Computerraum mit Laptops und Tablets. Zudem wird der Aspekt des BYOD (Bring Your Own Device) rege gefördert. Jeder Schüler darf sein eigenes Gerät im Unterricht benutzen. Dabei wird jedes Schülersmartphone als willkommene Gelegenheit angesehen, die Möglichkeiten der Wissensbeschaffung im Unterricht für den Klassenverband zu erweitern. Gemeinsam mit der Klasse werden Regeln erarbeitet, dass Schüler ihre Smartphones nur für den Lernprozess nutzen dürfen. Wer kein eigenes mobiles Endgerät besitzt, teilt sich eines in der Kleingruppe oder bekommt eines von der Schule gestellt. Zu BYOD rät der Schulleiter auch denjenigen Schulen, die keine finanziellen Mittel für digitale Geräte zur Verfügung haben. Somit kann auch an solchen Schulen digitale Medienkompetenz vermittelt werden und Schüler die Chance bekommen, auf digitale Lehrangebote zurückzugreifen.

Hier in Deutschland habe ich immer mal wieder von Schulleitern und Lehrern gehört, die Angst vor dem Einsatz digitaler Geräte im Unterricht hatten und vor allem befürchteten, dass die Schüler dadurch unkonzentrierter seien oder sich leichter ablenken ließen. Zu diesen Bedenken sagt Rundu:

Erstmal ist es natürlich wichtig, dass die Übung, die sie im Unterricht machen, interessant für die Schüler ist, dass sie dabei etwas lernen und dass es auch Spaß macht. Wenn diese Sachen Standard sind, dann gibt es keine Probleme mit Ablenkung. Auf der anderen Seite setzt man auch voraus, dass der Lehrer sein Handwerk beherrscht. Das heißt auch, Disziplin zu gewährleisten. Das ist im normalen Unterricht das Gleiche, dass die Schüler nicht etwas anderes machen.

Kaarel Rundu

 
Neben Smartphone, Tablet und Laptop wird das technische Equipment vieler estnischer Schulen durch eine elektronische Plattform erweitert, auf der sich Schüler, Lehrer, Eltern und die Schulleitung austauschen können. Es ist z.B. möglich, diese Plattform als digitales Lehrbuch zu benutzen, in das Noten eingetragen werden können. Auch als Kommunikationskanal funktioniert sie, z.B. wenn Eltern darüber ihre Kinder krankmelden oder Lehrer Elterngespräche terminieren. Es können Fragebögen schnell ausgefüllt und ausgewertet, Schulaufgaben festgelegt, Hausaufgaben aufgegeben, Unterrichtsmaterial hochgeladen werden und vieles mehr. Hierdurch ist eine Möglichkeit für Schüler und Eltern geschaffen, sodass diese von überall auf der Welt auf das Unterrichtsgeschehen zugreifen können, darunter beispielsweise Kinder, die krank daheim sind oder Kinder, die zu Sportwettkämpfen gerade in anderen Städten oder Ländern weilen. Dadurch wird eine zusätzliche Partizipationsmöglichkeit geschaffen und auch den Austausch zwischen den verschiedenen Bildungspartnern Schüler, Eltern, Lehrer sieht Kaarel dadurch verstärkt.

Bei solch einer Transparenz im Bildungsbereich interessiert mich natürlich noch das Thema Datenschutz brennend. Der Datenschutz wird bei den Lehrern bereits im Arbeitsvertrag verankert, indem auf moralisches und ethisches Benehmen verwiesen wird. Es steht eben auch geschrieben, dass nicht alle Daten offengelegt werden dürfen. Eine Datenschutz-Hausordnung gestattet, dass Foto- und Videoaufnahmen gemacht, jedoch die Schüler nicht mit ihrem vollen Namen genannt werden dürfen. Auch Klassenlisten dürfen nicht veröffentlicht werden. Damit die Lehrer sich im Umgang mit dem Datenschutz auskennen, gibt es immer wieder schulinterne Fortbildungen. Ferner gibt es Unterstützung vom Bildungsministerium oder verschiedenen Institutionen, die sich mit dem Thema Datenschutz auseinandersetzen und mit Eltern, Lehrer und Schüler das Thema analysieren und diskutieren.

 

Das war Teil I des Interviews. In Teil II und Teil III erfahren Sie, wie Kaarel Rundu die Rolle des Lehrers in der digitalen Zeit sieht. Er verrät, was seine ersten Schritte wären, wenn er eine nicht-digitalisierte Schule übernehmen würde und er zeigt, dass eine digital gut ausgerüstete Schule auch gleichzeitig einen großen Schwerpunkt auf sportliche und handwerkliche Angebote legen kann.

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