Interview K.Rundu III - Digitalisierung und Bildung

von Jens Buchloh (Kommentare: 0)

Digitalisierte Lehrbücher, digitale Ausstattung und Digitalexperten an Schulen – was in Estland schon lange keine Besonderheit mehr darstellt, ist in Deutschland oftmals noch Zukunftsmusik – gerade, wenn man an so manches marode Schulgebäude denkt. Wie sollen solche Schulen je diesen Standard erreichen und wie sollen sie ihre Schüler fit für die digitale Zukunft Deutschlands machen?

"Smarte Bildung im Zeitalter des digitalen Wandels" am 17.09.2017 im Atelierhaus im Anscharpark, Kiel

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Wenn wir auf hochtechnologisierte Bildungssysteme rund um den Globus blicken, sieht es für Deutschland düster aus. Wenn wir nicht jetzt anfangen, etwas an der Schulsituation zu ändern, haben es unsere Schüler einmal schwer, in der fortschreitend veränderten Arbeitswelt ihren Platz zu finden.

Doch abgesehen von der Zuwendung und Unterstützung vom Staat – können denn Schulen von sich aus tätig werden? Diese Fragen stelle ich auch meinem Interviewpartner, dem estnischen Schulleiter Kaarel Rundu. Dafür rufe ich in unseren Köpfen ein Szenario auf: Angenommen, Kaarel müsste eine nicht digitalisierte Schule in Deutschland übernehmen und bekäme dafür auch keinerlei finanzielle Mittel vom Staat dafür – wie würde er in dieser Situation vorgehen? Was wären seine ersten Schritte bezüglich der Einführung digitaler Geräte an dieser fiktiven Schule und dem Auftreiben der finanziellen Mittel?

Sehr sicher und ohne große Überlegung antwortet mir Kaarel Rundu, dass er mit einer Selbstevaluation beginnen würde. Er würde dabei die Lehrer befragen, welche Ängste sie bezüglich einer Digitalisierung mitbringen. Im nächsten Schritt würde er Kontakte knüpfen, um gute Beispiele von anderen Ländern, Schulen und Lehrern zu sammeln, um gemeinsam zu sehen, wie eine gute Schule hinsichtlich digitaler Möglichkeiten funktioniert, welche Vorteile und Arbeitserleichterungen sie bringen. Er würde Fortbildungen einführen und einen Bildungstechnologen einsetzen. Die Erstausstattung an Technik beinhaltet nach ihm einen Computerraum und ein Set Tablets und ein Set Laptops für jeweils eine Klasse.

Wie er das finanzieren würde? Zunächst einmal würde er versuchen, den Schulförderverein zu überzeugen. Er würde Projekte ausschreiben und nachsehen, wo extra Fortbildungen und Geräte zu bekommen seien und AGs ins Leben rufen, welche sich selbst finanzieren.

Auch könnte man sich nach Unterstützung aus der Wirtschaft umsehen. Viele Firmen freuen sich, wenn sie in AGs ihre Expertise einbringen oder die lokale Schule durch eine Spende unterstützen können.

Abgesehen von der digitalen Komponente – auf welche Kompetenzen legt Kaarel Rundu an seiner Schule wert? Welche Kompetenzen werden den Schülern vermittelt, um sie fit für die Herausforderungen einer hochdynamischen und immer stärker automatisierten Arbeitswelt zu machen? Kaarel Rundu erzählt mir vom estnischen Lehrplan, der 8 Hauptkompetenzen einschließt, darunter u.a. Soziale Kompetenzen, Kulturkompetenzen, naturwissenschaftliche Kompetenzen, digitale Kompetenzen und Bürgerkompetenzen. Der Staat gibt hier den Wegweiser vor, in welche Richtung sich die Schule bewegen muss. Am Tallinna Saksa Gümnaasium sind diese Kompetenzen wichtig, genau wie der Ausgleich zwischen selbstständigem Arbeiten, Teamarbeit, Kommunikationsfähigkeit, aber auch Empathie und Kreativität. Für Kaarel ist es wichtig, dass die Schüler wissen, wo sie suchen müssen, um Antworten zu bekommen und welchen Quellen sie vertrauen können – und natürlich, dass die Schüler ihr Wissen zur richtigen Zeit am richtigen Ort anwenden können.

Ich denke, das ist die Absicht des Wissens. Nicht nur, dass ich es weiß, sondern dass ich es anwende, es also praktisch lebe.

Kaarel Rundu

Praktisch leben und Digitalisierung – bei diesem Stichpunkt fallen mir Vorurteile ein, die mir in Deutschland sehr häufig begegnen: „Wenn jetzt ganz stark digitalisiert wird, dann sitzen die Menschen nur noch vor ihren Rechnern und bewegen sich gar nicht mehr!“ Wenn ich mich hier am Tallinna Saksa Gümnaasium umschaue, sehe ich, dass diese Befürchtungen hier auf keinen Fall zutreffen. Das Sportangebot umfasst so einiges von Langlauf bis Yoga und unter den Schülern befinden sich viele Amateur- sowie auch Profisportler. Nachhaltigkeit und richtiges Recycling spielt eine Rolle, es gibt Angebote wie kreatives Schreiben, Design oder Kulturmanagement. Um diese Vielfalt zu ermöglichen ist es wichtig,

(...) Experten von außerhalb reinzuholen, die höchstwahrscheinlich ihre tagtägliche Arbeit in einer bestimmten Branche haben. Firmen, Startups, Politiker, Informatiker, Gesundheitsexperten (...).

Kaarel Rundu

Ich bin beeindruckt. Und noch während ich mit ihm rede, sehe ich, wie ein Bus die Schüler abholt und zum Langlaufen bringt – bei minus 15 Grad Celsius. Ganz schön tough!

Das war der dritte Teil des Interviews mit dem estnischen Schulleiter Kaarel Rundu. In Teil I spricht er über BYOD, digitale Ausstattungen der Klassenräume und über Datenschutz, in Teil II erklärt er mir die Rolle des Lehrers und die Funktion des Bildungstechnologen.

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