Rückblick „Smarte Bildung im Zeitalter des digitalen Wandels“

von Jens Buchloh (Kommentare: 0)

Im September 2017 fand zum ersten Mal die Digitale Woche Kiel statt. Was lag da näher, als meine Drähte nach Estland glühen zu lassen und einen Thementag über smarte Bildung im Smart Country Estland zu organisieren. Der ergovia-Thementag sollte sowohl auf die politischen Rahmenbedingungen eines Smart Country bzw. Smart City eingehen, als auch darauf aufbauend die smarte Bildung beleuchten. Mein Ziel war es, gemeinsame Podiumsdiskussionen von estnischen und deutschen Experten zu initiieren. Als freien Termin gab es den 17. September. Die Kombination aus „Sonntag“ und „Bildungsthema“ ließ uns hinsichtlich des Publikumszuspruches ein wenig zittern – doch wir hatten Glück! Und ein volles Haus.

Rückblick Veranstaltung 2: „Smarte Bildung im Zeitalter des digitalen Wandels“

Für die zweite Podiumsdiskussion des Thementages rund um smarte Bildung konnte ich die beiden Hauptakteure aus dem Filmprojekt „Smarte Bildung im Smart Country Estland“ für uns gewinnen.

Sowohl der Schulleiter des Deutschen Gymnasiums Tallinn, Kaarel Rundu, als auch die Mitinitiatorin des Masterstudiengangs Bildungstechnologie, Birgy Lorenz, sagten spontan zu. Auf deutscher Seite wurde die Diskussionsrunde durch die Kieler Stadträtin für Bildung, Renate Treutel, und Dr. Gesa Ramm vom Institut für Qualitätsentwicklung an Schulen (IQSH), sowie mit Axel Böhm, Leiter und Geschäftsführer des BBZ Plön, komplettiert.

Bei einer Sache waren sich alle Diskussionsteilnehmer einig: Der digitale Wandel zwinge zu einer Veränderung des Bildungssystems. Auf dem Prüfstand stünden sowohl die curricularen Inhalte, die vermittelt werden, als auch die Art und Weise des Lernens. Das würde zum einen durch die veränderte Arbeitswelt und deren Herausforderungen offensichtlich. Zum anderen böten digitale Medien eine große Erweiterung der Lernmöglichkeiten an. Lehrer hätten bessere Möglichkeiten, ihren Stoff anschaulicher darzustellen und Schüler könnten, anders als noch vor etlichen Jahren, sich sehr viele Inhalte besser selbst zusammensuchen. Dabei bräuchten sie aber Unterstützung, sich in diesem Informationsdschungel zurechtzufinden. Hier käme es auf die Vermittlung einer digitalen Literacy an, d. h. Kompetenzen im Umgang mit Informationstechnologien, um Informationen finden, beurteilen, gestalten und kommunizieren zu können.

Die deutschen Diskussionsteilnehmer waren sich einig, dass Lehrer häufig hinsichtlich der Einweisung in digitale Medien zu sehr auf sich allein gestellt wären. Es gäbe zu wenig Unterstützung oder Vorbereitung, welcher Medieneinsatz für welche Unterrichtsart sinnvoll wäre und wie die Geräte und Plattformen zu nutzen seien. Damit dieser Einsatz überhaupt erst gelingen kann, sei eine bessere digitale Infrastruktur die Voraussetzung. Hier hätte Deutschland dringenden Nachholbedarf!

Bildungssystem muss sich an der Realität des 21. Jahrhunderts orientieren

Birgy Lorenz und Axel Böhm

Estland ist hier einen Schritt weiter: In 2 Jahren sollen alle Schulen ans schnelle 5G-Internet angeschlossen sein, erwähnte die Bildungstechnologin Birgy Lorenz. Das ist mal eine Ansage, die ich mir für Schleswig-Holstein (und die anderen Bundesländer) auch wünschen würde! Doch nicht nur die Infrastruktur wurde angesprochen, auch die Wichtigkeit von Kooperationen mit Experten außerhalb des Schulbereichs.

Nach Axel Böhm hat sich das Bildungssystem an der Realität des 21. Jahrhunderts zu orientieren. Als Schulleiter einer beruflichen Schule sieht er eine Verknüpfung von Schule und Unternehmen elementar für den Bildungsfortschritt der Schüler an. Der Vorteil an der Zusammenarbeit mit regionalen Firmen ist, dass eine Expertise in die Schule kommt, welche Lehrer in spezifischen Bereichen selbst nicht leisten können. Davon können Schüler nur profitieren.

Zusammenarbeit ist auch für den estnischen Schulleiter Kaarel Rundu der Schlüssel für einen realitätsnahen Unterricht. Für ihn gelingt Unterricht nur in einer intakten Schulfamilie, die alle Bildungsbeteiligten zur Zusammenarbeit einlädt. Neben Schülern und Lehrern gehören auch Eltern und Experten aus Unternehmen und öffentlichen Einrichtungen. Er sieht Schule als einen offenen Ort der Begegnung und des Austausches.

Offenheit gegenüber digitalen Medien – keine Frage des Alters!

Auch für Birgy Lorenz ist der Austausch essentiell. Sie sieht das Internet und den Austausch darüber als den Schlüssel für bessere Bildung an. Genauso wichtig ist ihr aber auch die richtige Haltung von Lehrern. Eine Haltung, die den Schüler und dessen optimale persönliche Entfaltung in den Mittelpunkt stellt. Es geht ihr um Kompetenzvermittlung, die von Lehrern vorgelebt werden müsse. Lehrer müssten sich von der Rolle des Wissensvermittlers in die Rolle eines Bildungsbegleiters wandeln. Veränderung gelingt in vielen kleinen Schritten. Dazu gehört, ihrer Meinung nach, u. a. Offenheit im Bildungsprozess und der Mut neue Wege auszuprobieren. Für Lehrer an ihrer Schule ist es selbstverständlich, die Unterrichtsmethoden als Blog ins Internet zu stellen und mit Kollegen und Eltern zu diskutieren. Damit wollen die estnischen Lehrer einerseits Transparenz schaffen, erhoffen sich andererseits aber auch sachdienliche Hinweise für Verbesserungen.

Diese offene Herangehensweise und die Fähigkeit, Kritik anzunehmen spielt auch bei Kaarel Rundu eine große Rolle. Als ein Beispiel für Offenheit beschrieb er eine 78-jährige ehrenamtliche Biologielehrerin an seiner Schule, die sich aus Interesse in die digitalen Medien einarbeitete und nun nicht mehr im Unterricht darauf verzichten mag. Offenheit gegenüber digitalen Medien ist demnach keine Frage des Alters!

Bildung endet nicht beim Schulabschluss

Renate Treutel (Stadträtin für Bildung) und Dr. Gesa Ramm (Institut für Qualitätsentwicklung von Schulen)

Der große Begriff der Bildung ist aber nicht nur auf den schulischen Rahmen begrenzt! So bekräftigt Renate Treutel, dass Bildung keinesfalls beim Schulabschluss aufhöre! Und damit dies den Absolventen klar wird und sie das beherzigen können, muss Schule für dieses lebenslange Lernen vorbereiten und sich als Teil eines größeren Netzwerks verstehen.

Auch Kaarel Rundu und Birgy Lorenz sehen es als zentrale Aufgabe der Schulbildung an, Menschen für das Leben in einer dynamischen Zeit auszurüsten und sie mit wichtigen Kompetenzen auszustatten. Für ihn ist die Lehre als eine Missionsarbeit zu sehen. Nach und nach muss ein Umdenken stattfinden. Erst wenn die Lehrer selbst lernen wollen und alle Lernoptionen willkommen heißen, können sie auch die Schüler dafür motivieren.

Renate Treutel merkte an, dass es nicht nur auf diese innere Einstellung ankomme, sondern es müsse auch politisch eine klare Rollenbeschreibung für Lehrer geben. Es sei wichtig, diese Rolle auch hinsichtlich der gesellschaftlichen Akzeptanz neu zu positionieren. Dabei geht es darum, als Lehrer die Rolle des Wissensmonopolisten gegen eine Rolle des Bildungsbegleiters auch eintauschen zu dürfen.

All diese Veränderungen kann Schule alleine nicht lösen! Dies muss Aufgabe aller sein, betont Dr. Gesa Ramm.

Thementag Smart Country Smarte Bildung - Impressionen

Das Fazit der Podiumsdiskussion:

Der digitale Wandel verändert unsere Lebenswirklichkeit – er macht sie zu einem permanenten Anpassungsprozess. Smarte Bildung bereitet Menschen auf diese Wirklichkeit optimal vor. Dazu gehört die persönliche Entfaltung, ein gesundes Selbstwertgefühl und die Befähigung und Ermunterung zum lebenslangen Lernen. Smarte Bildung gelingt nur, wenn sich alle gesellschaftlich Beteiligten in den Bildungsprozess einbringen, zusammenarbeiten und ein gemeinsames Verständnis für Bildung entwickeln.

Unser Video vom Thementag:

Vielen Dank an alle Beteiligten, die diesen Thementag ermöglicht haben, und an das tolle Publikum! Ich freue mich schon sehr auf die nächste Veranstaltung!

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